Was eine Gliose im Marklager ist
Gliazellen und Marklager, Wort für Wort
Neben den Nervenzellen gibt es im Gehirn eine zweite große Zellgruppe, die Gliazellen. Sie versorgen die Nervenzellen, halten sie an ihrem Platz und räumen auf, wenn etwas beschädigt wurde. Nach einem kleinen Schaden füllen sie die entstandene Lücke und bilden dort eine Art Narbe, und genau dieses Narbengewebe meint das Wort Gliose. Es wächst nicht weiter und ist keine laufende Entzündung, sondern das Zeichen einer Reparatur, die längst abgeschlossen ist.
Das Marklager ist die Schicht unterhalb der Hirnrinde, in der die Nervenfasern wie Kabelstränge verlaufen und die einzelnen Hirnregionen miteinander verbinden. Weil diese Fasern von einer hellen Fetthülle umgeben sind, heißt der Bereich auch weiße Substanz. Eine Marklagergliose ist demnach eine vernarbte Stelle in dieser Verkabelung.
Warum die Stellen im MRT hell aussehen
Ein MRT unterscheidet Gewebe unter anderem danach, wie viel Wasser darin gebunden ist. In bestimmten Aufnahmen leuchtet wasserreiches Gewebe hell auf, und weil vernarbtes Marklager mehr Wasser bindet als gesundes, hebt es sich dort deutlich ab. Im Befund heißt das dann hyperintens, was schlicht "heller als die Umgebung" bedeutet. Auch das Wort Läsion, das oft daneben steht, meint nichts weiter als eine veränderte Stelle und sagt nichts über deren Ursache.
Für dieselbe Sache sind mehrere Formulierungen gebräuchlich. Marklagerhyperintensitäten, vaskuläre oder mikroangiopathische Marklagerveränderungen und der ältere Begriff Leukoaraiose beschreiben denselben Befund. Die Wörter vaskulär und mikroangiopathisch verweisen dabei auf die kleinen Blutgefäße als Ursache. Welches Wort im Bericht landet, hängt eher von der befundenden Person ab als von der Schwere.
Was die Ortsangaben im Befund bedeuten
Frontal heißt, dass die Herde im vorderen Bereich des Gehirns hinter der Stirn liegen. Periventrikulär bedeutet rund um die Hirnkammern, also um die flüssigkeitsgefüllten Hohlräume in der Mitte des Gehirns, und subkortikal beschreibt Herde dicht unter der Hirnrinde. Diese Angaben sagen nichts über den Schweregrad aus, sie beschreiben nur die Lage. Für die Frage, woher die Veränderungen kommen, ist das Verteilungsmuster allerdings aufschlussreich.
Warum der Befund mit den Jahren fast dazugehört
In einer französischen Untersuchung an 315 gesunden Menschen, die alle genau 75 Jahre alt waren, fanden sich bei gut neun von zehn Veränderungen im Marklager. Bei rund 72 Prozent waren es einzelne punktförmige Herde, bei etwa 20 Prozent beginnend zusammenfließende Bereiche. Gesund waren diese Menschen trotzdem.
Dazu passen die Normwerte aus einer internationalen Auswertung von 15 Bevölkerungsstudien mit knapp 15.000 Teilnehmenden. Die Menge an Veränderungen wächst mit dem Alter nicht gleichmäßig, sondern immer schneller, und sie verdoppelt sich im Mittel etwa alle zehn Lebensjahre. Gleichzeitig ist die normale Streubreite riesig, denn Menschen desselben Jahrgangs können sich um ein Vielfaches unterscheiden, ohne dass davon jemand krank ist. Eine feste Grenze, ab der es zu viel wird, gibt es deshalb nicht. Die sinnvolle Frage lautet nicht, ob überhaupt etwas zu sehen ist, sondern ob die Menge zum Lebensalter passt.
Wie die Fazekas-Einteilung funktioniert
Um das grob einzuordnen, benutzen Radiolog:innen die Fazekas-Skala mit vier Stufen. Grad 0 heißt, dass nichts zu sehen ist. Grad 1 steht für einzelne punktförmige Herde oder einen dünnen Saum um die Hirnkammern und ist ab dem mittleren Lebensalter der Regelfall. Bei Fazekas 2 beginnen die Herde ineinanderzufließen, bei Grad 3 sind größere Flächen betroffen. Was hinter Fazekas 1 und Fazekas 2 im Einzelnen steckt, kannst du auf den jeweiligen Seiten nachlesen.
Wie gefährlich Marklagerläsionen sind
Für sich genommen sind sie nicht gefährlich. Sie wachsen nicht, sie können nicht platzen, und sie machen keine plötzlichen Notfälle. Einzelne kleine Herde verursachen typischerweise überhaupt keine Beschwerden und werden häufig zufällig entdeckt, wenn wegen Kopfschmerzen, Schwindel oder einer anderen Frage untersucht wurde. Zurückbilden werden sie sich nicht, das liegt in der Natur von Narbengewebe, und es ist kein schlechtes Zeichen.
Anders sieht es aus, wenn die Veränderungen ausgeprägt sind und größere Bereiche einnehmen. In der Untersuchung an den gesunden 75-Jährigen schnitten die Teilnehmenden mit Marklagerveränderungen im Durchschnitt etwas schwächer ab, wenn es um das Abrufen von Erinnerungen und um planendes Denken ging. Wenn Beschwerden auftreten, dann meist in dieser Richtung, also verlangsamtes Denken, Konzentrationsprobleme, Wortfindungsstörungen und manchmal ein unsicherer Gang. Solche Zusammenhänge gelten aber für den Durchschnitt vieler Menschen und erlauben keine Vorhersage für eine einzelne Person. Wie es jemandem geht, zeigt sich ohnehin an den Beschwerden und nicht am Bild.
Was der Befund über das Demenzrisiko sagt
Ein Bild allein ist keine Diagnose. Die aktuelle Leitlinie beschreibt die vaskuläre Demenz, also die durch Durchblutungsstörungen bedingte Form, ausdrücklich als klinische Diagnose. Sie wird an Beschwerden festgemacht, etwa an Verlangsamung und Gedächtnisproblemen, oft mit stufenweisem Verlauf und meist als Folge kleiner oder größerer Schlaganfälle. Ein Marklagerbefund ohne Beschwerden ist keine Demenz und entwickelt sich auch nicht automatisch zu einer.
Ganz ohne Zusammenhang ist es allerdings nicht. Auf Bevölkerungsebene lässt sich ein statistischer Zusammenhang zwischen ausgeprägten Marklagerveränderungen und nachlassender geistiger Leistungsfähigkeit nachweisen. Die allermeisten Menschen mit solchen Veränderungen entwickeln trotzdem nie eine Demenz, und ein niedriger Fazekas-Grad im höheren Alter ist schlicht das, was man in dieser Altersgruppe erwartet.
Die alarmierenden Risikozahlen, die im Netz kursieren, stammen meist aus Untersuchungen an Menschen, bei denen bereits eine Mikroangiopathie festgestellt war, also eine nachgewiesene Erkrankung dieser kleinsten Blutgefäße im Gehirn. Sie beziehen sich außerdem auf das Ausmaß der Veränderungen und nicht auf die bloße Erwähnung des Wortes Gliose in einem Bericht. Auf einen kleinen Zufallsbefund bei jemandem ohne Beschwerden lassen sich diese Zahlen nicht übertragen.
Wie sich die Herde von einer Multiplen Sklerose (MS) unterscheiden
Bei einer Multiplen Sklerose greift das Immunsystem die Hüllen der Nervenfasern an, und auch dabei entstehen helle Herde im Marklager. Auf den ersten Blick sehen beide Arten von Herden deshalb ähnlich aus, und genau daher rührt die Sorge.
Unterscheiden lassen sie sich vor allem an Lage, Form und Verteilung. Herde bei einer MS sind meist scharf begrenzt und oval, sie ordnen sich häufig senkrecht zu den Hirnkammern an und finden sich zusätzlich im Balken zwischen den beiden Hirnhälften, dicht an der Hirnrinde oder im Hirnstamm und Kleinhirn. Durchblutungsbedingte Marklagerveränderungen liegen dagegen eher fleckig und auf beiden Seiten ähnlich verteilt tief im Marklager oder legen sich als dünner Saum um die Hirnkammern.
Dazu kommt ein feineres Merkmal, das sogenannte Central Vein Sign. Mit einer speziellen MRT-Aufnahme lässt sich in Herden bei einer MS oft ein winziges Blutgefäß mitten im Herd erkennen, das bei durchblutungsbedingten Veränderungen meist fehlt. In einer Untersuchung an fast 1.900 einzelnen Herden trennte dieses Zeichen beide Gruppen gut, wenn auch nicht mit letzter Sicherheit, und es ist inzwischen als zusätzliches Kriterium in die Diagnostik der MS aufgenommen worden. Ob eine MS überhaupt im Raum steht, beurteilen immer die Ärztinnen und Ärzte, die den Befund erhoben haben, und zwar im Zusammenspiel von Bild, Beschwerden, Verlauf und gegebenenfalls weiteren Untersuchungen.
Was Migräne damit zu tun hat
Menschen mit Migräne haben häufiger solche Marklagerveränderungen als Menschen ohne Migräne. In einer niederländischen Bevölkerungsstudie mit Teilnehmenden zwischen 30 und 60 Jahren landeten Frauen mit Migräne etwa doppelt so oft in der Gruppe mit den meisten Herden wie Frauen ohne Migräne, und bei mindestens einer Attacke pro Monat war der Unterschied noch etwas deutlicher. Bei Männern zeigte sich kein Unterschied.
Ein Hinweis auf eine ernstere Erkrankung ist das nicht. In derselben Studie fanden sich bei Menschen mit Migräne insgesamt nicht häufiger durchblutungsbedingte Schäden im Gehirn als bei den Vergleichspersonen, und die neurologische Untersuchung war unauffällig. Die Herde erklären auch die Kopfschmerzen nicht und ändern nichts an der Behandlung der Migräne. Sie sind eher eine Spur, die die Erkrankung im Bild hinterlässt.
Ob Corona solche Veränderungen auslöst
Dass eine gewöhnliche, mild verlaufene Corona-Infektion zu einem beiläufigen Marklagerbefund im MRT führt, ist nicht belegt. Untersucht wurde bisher eine andere Gruppe, nämlich Menschen, die während einer COVID-19-Erkrankung akute neurologische Beschwerden hatten, etwa Verwirrtheit, Bewusstseinsstörungen oder Ausfälle, und die deshalb im Krankenhaus mit Bildgebung untersucht wurden. In dieser Gruppe fanden sich tatsächlich häufig Veränderungen im Marklager.
Das ist klinisch etwas ganz anderes als ein Nebenbefund bei jemandem, der neurologisch unauffällig ist. Wenn du im Befund also Marklagergliosen liest und irgendwann eine Corona-Infektion zurückliegt, spricht nach heutigem Wissensstand nichts dafür, dass das eine das andere erklärt.
Was sich beeinflussen lässt
Die vernarbten Stellen selbst lassen sich nicht behandeln und bilden sich nicht zurück. Beeinflussbar ist aber, wie schnell neue dazukommen, und darin liegt der praktische Wert des Befunds. Die aktuelle Leitlinie nennt als wichtigste Faktoren für Durchblutungsstörungen im Gehirn den erhöhten Blutdruck, Diabetes mellitus, Störungen des Fettstoffwechsels, Rauchen, Übergewicht, Bewegungsmangel und Herzrhythmusstörungen, allen voran das Vorhofflimmern, bei dem das Herz dauerhaft unregelmäßig schlägt. Das sind genau die Punkte, an denen sich etwas ändern lässt, und ein Marklagerbefund ist ein guter Anlass, sie einmal in aller Gründlichkeit durchzugehen. Nach derselben Leitlinie ließen sich rechnerisch sogar bis zu 45 Prozent aller Demenzerkrankungen durch die konsequente Behandlung solcher Risikofaktoren vermeiden, wobei das eine Aussage über die Bevölkerung ist und keine Garantie für einen einzelnen Menschen.
Wenn du den Befund vor dir hast, lohnt es sich, beim nächsten Termin vier Dinge anzusprechen. Ob die Menge der Veränderungen zum Lebensalter passt oder darüber hinausgeht, ob es eine ältere Aufnahme zum Vergleich gibt, wie Blutdruck, Blutzucker und Blutfette aktuell eingestellt sind, und ob in letzter Zeit neue Beschwerden dazugekommen sind, etwa Vergesslichkeit, Wortfindungsprobleme oder ein unsicherer Gang. Die Antworten darauf sagen deutlich mehr aus als der eine Satz im Bericht.
Quellen
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Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Patientenleitlinie Demenzen. S3-Leitlinie, AWMF-Registernummer 038-013. Quelle