Eine Fibulakopffraktur ist ein Bruch des Wadenbeinköpfchens, also des oberen, leicht verdickten Endes des Wadenbeins, das außen am Knie kurz unterhalb des Gelenks liegt. Wenn dieses Wort in einem Röntgenbefund steht, hängt fast alles Weitere an einer einzigen Frage: Ist dieser Knochen für sich allein gebrochen, oder gehört der Bruch zu einer größeren Verletzung des Knies oder des Sprunggelenks? Ein stabiler Bruch für sich allein heilt meist ohne Operation in einigen Wochen aus. Gehört er zu einer größeren Verletzung, hängt es davon ab, welche Strukturen betroffen sind und ob das Gelenk instabil ist; dann kann eine Operation nötig sein und die Heilung Monate dauern. Aus dem Befund selbst lässt sich das kaum ablesen, es ergibt sich erst aus den Aufnahmen und der körperlichen Untersuchung.

Ganzen Befund übersetzen?
Du hast einen Arztbericht oder Befund den du nicht verstehst? Dann nutze Simply Onno, um dir diesen in einfache Sprache übersetzen und erklären zu lassen.
Mehr InfosWo das Wadenbeinköpfchen sitzt und was dort verläuft
Der Unterschenkel besteht aus zwei Knochen. Das Schienbein trägt fast das gesamte Körpergewicht, während das Wadenbein, in der Fachsprache Fibula, außen daneben liegt und deutlich dünner ist. Sein oberes Ende heißt Wadenbeinköpfchen oder Fibulaköpfchen, und du kannst es außen am Knie als harten Vorsprung ein Stück unterhalb des Gelenks ertasten. Dort bildet es mit dem Schienbein ein kleines, straffes Gelenk und dient zugleich als Ankerpunkt für das Außenband des Knies und für Sehnen, die das Knie von außen stabil halten.
Genau um diesen Knochen herum zieht der Wadenbeinnerv, der in der Fachsprache Nervus peroneus heißt. Er versorgt die Muskeln, die den Fuß und die Zehen anheben, und das Gefühl am Fußrücken. Weil er an dieser Stelle unmittelbar am Knochen entlangläuft und kaum von Muskeln gepolstert wird, ist er bei Verletzungen dort schnell mit betroffen. Warum das Wadenbeinköpfchen auch ohne Bruch schmerzen kann, findest du unter Fibulaköpfchen.
Warum es entscheidend ist, ob der Bruch allein steht
Das Wadenbeinköpfchen bricht auf drei sehr unterschiedliche Arten, und daraus ergeben sich drei sehr unterschiedliche Verläufe. Diese Unterscheidung ist der zentrale Schritt nach der Diagnose, weil sie bestimmt, ob operiert wird und ob du in Wochen oder in Monaten rechnest.
Direkter Anprall auf die Knieaußenseite
Ein Stoß, ein Schlag oder ein Sturz auf die Außenseite des Knies kann das Köpfchen direkt brechen, etwa bei einem Fahrradunfall oder einem Tritt im Kontaktsport. Bleibt es dabei, ist der Bruch meist stabil und wenig verschoben, und er wird in der Regel ohne Operation behandelt. Ein solcher Bruch ganz für sich allein ist insgesamt selten, verläuft dafür aber meist unkompliziert.
Wenn das Knie zur Seite weggeknickt ist
Wird das Knie nach außen aufgeklappt, überstreckt oder verdreht, kann das Außenband ein kleines Knochenstück aus dem Wadenbeinköpfchen herausreißen. Ein solcher knöcherner Ausriss ist deshalb immer auch ein Hinweis auf eine Verletzung des Bandapparats an der Außen- und Rückseite des Knies. Wird das Knie umgekehrt nach innen eingeknickt, trifft es eher die Bänder an der Innenseite, und dann steht meist ein Bruch des Schienbeinkopfs im Vordergrund. Solche Brüche kommen selten allein: Häufig ist gleichzeitig der Schienbeinkopf gebrochen, also das obere Ende des tragenden Unterschenkelknochens, oder es sind Bänder im Knie gerissen. Wie eng das zusammenhängt, zeigt eine Auswertung von mehr als 500 Schienbeinkopfbrüchen an einem Unfallzentrum: Bei knapp einem Drittel war das Wadenbeinköpfchen mitgebrochen. Ein kleines abgesprengtes Knochenstück auf dem Röntgenbild ist deshalb oft weniger ein Knochenproblem als ein Hinweis auf verletzte Bänder.
Wenn das Sprunggelenk verdreht wurde
Die dritte Variante überrascht viele, weil der Schmerz und der Bruch an verschiedenen Stellen sitzen. Verdreht sich der Fuß im Sprunggelenk stark nach außen, wandert die Kraft über die straffe Bandverbindung zwischen Schien- und Wadenbein nach oben und bricht das Wadenbein weit oben, nahe am Knie. Diese Kombination aus hohem Wadenbeinbruch und gerissener Bandverbindung am Sprunggelenk heißt Maisonneuve-Verletzung. Sie zählt als Sprunggelenkbruch vom Typ Weber C, einer gängigen Einteilung von Sprunggelenkbrüchen danach, wie hoch am Wadenbein der Bruch sitzt, auch wenn die Bruchstelle am Knie liegt, und die Bandverbindung ist dabei immer mitverletzt. Behandelt wird deshalb nicht in erster Linie das Knie, sondern das instabil gewordene Sprunggelenk.
Welche Beschwerden typisch sind und welche nicht warten dürfen
Nach einem direkten Anprall tut es außen am Knie plötzlich stechend weh, das Köpfchen ist auf Druck deutlich schmerzhaft, und es schwillt an, oft mit einem Bluterguss. Beugen und Strecken fällt schwer, das Auftreten ist unangenehm. Bei einer Maisonneuve-Verletzung ist es anders: Die stärksten Schmerzen sitzen am Sprunggelenk, meist innen am Knöchel, während das Knie kaum auffällt. Wenn du nach einem verdrehten Sprunggelenk zusätzlich einen Druckschmerz oben außen am Unterschenkel bemerkst, sag das bitte ausdrücklich, denn genau diese Kombination führt auf die richtige Spur.
Drei Beobachtungen dulden dagegen keinen Aufschub. Hängt der Fuß beim Gehen nach unten, bleiben die Zehen hängen oder fühlt sich der Fußrücken taub und kribbelig an, spricht das für eine Schädigung des Wadenbeinnervs und gehört noch am selben Tag untersucht. Nimmt der Schmerz im Unterschenkel trotz Hochlagern immer weiter zu, spannt sich die Wade prall an und schmerzt es heftig, wenn die Zehen passiv gestreckt werden, kann ein Kompartmentsyndrom dahinterstecken: Die Schwellung baut in den festen Muskelfächern des Unterschenkels so viel Druck auf, dass die Durchblutung abgeschnürt wird. Das ist ein Notfall, bei dem jede Stunde zählt. Und wenn das Knie beim Auftreten seitlich wegknickt oder sich wackelig anfühlt, deutet das auf gerissene Bänder hin, die eigenständig behandelt werden müssen.
Wie der Bruch gefunden und eingeordnet wird
Am Anfang stehen das Abtasten und eine Röntgenaufnahme. Die unfallchirurgische Leitlinie zu Sprunggelenkfrakturen legt dabei besonderen Wert auf einen Punkt: Wer nach einer Sprunggelenkverletzung entlang des Wadenbeins bis hinauf zum Köpfchen druckschmerzhaft ist oder beim Auswärtsdrehen des Fußes Schmerzen hat, muss am gesamten Unterschenkel geröntgt werden. Sonst bleibt ein hoher Wadenbeinbruch unentdeckt, obwohl das Sprunggelenk instabil ist. Dass dieser Fehler vorkommt, zeigt eine kleine Untersuchung an fünfzehn Menschen mit Maisonneuve-Verletzung: Bei vier von ihnen wurde die Verletzung zunächst übersehen, und die Operation verzögerte sich um einige Tage.
Umgekehrt wird bei einem Bruch am Wadenbeinköpfchen auch das Sprunggelenk mit untersucht. Besteht der Verdacht auf gerissene Bänder oder einen mitgebrochenen Schienbeinkopf, folgen genauere Aufnahmen, etwa Schichtbilder aus dem Computertomografen oder eine Magnetresonanztomografie, die Bänder und Knorpel sichtbar macht. Zusätzlich wird geprüft, ob der Fuß angehoben werden kann und ob das Gefühl am Fußrücken normal ist, weil sich daran ein Nervenschaden früh erkennen lässt.
Wie eine Fibulakopffraktur behandelt wird
Ohne Operation
Ist der Bruch nicht oder nur wenig verschoben, sind die Bänder stabil und die Bandverbindung zum Sprunggelenk unverletzt, wird ohne Operation behandelt. Üblich sind eine Ruhigstellung über etwa sechs Wochen, eine Teilbelastung mit Unterarmgehstützen und eine Anleitung, wie du dabei richtig gehst. Das bedeutet nicht, dass das Bein stillliegen muss: Bei stabilen Brüchen führt eine frühe Bewegung unter angepasster Belastung zu keinen schlechteren Ergebnissen als eine vollständige Ruhigstellung. In den ersten Tagen helfen Hochlagern und Kühlen gegen die Schwellung. Gerade bei älteren Menschen wird ein gut stehender, stabiler Bruch häufig bewusst ohne Operation behandelt. Bei einer instabilen Verletzung ändert das Alter daran allerdings nichts.
Mit Operation
Operiert wird vor allem dann, wenn der Bruch offen ist, wenn Nerven oder Gefäße verletzt sind, wenn die Bruchstücke verschoben und nicht stabil einzurichten sind oder wenn das Sprunggelenk nachweisbar instabil ist. Eine Maisonneuve-Verletzung wird grundsätzlich operiert, weil die gerissene Bandverbindung das Sprunggelenk sonst dauerhaft locker lässt. Dabei wird meist eine sogenannte Stellschraube quer zwischen Schien- und Wadenbein eingebracht, die die beiden Knochen während der Heilung in der richtigen Position hält. Es gibt auch nachgiebigere Systeme, die dasselbe leisten. Ob und wann eine solche Schraube wieder entfernt wird, hängt vom gewählten Verfahren und von der behandelnden Klinik ab. Auch nach einer Operation darf das Bein in der Regel erst nach etwa sechs Wochen wieder voll belastet werden, abhängig von der Bruchform, dem gewählten Verfahren und der Knochenqualität.
Was mit dem Wadenbeinnerv passieren kann
Wird der Wadenbeinnerv gequetscht, gedehnt oder eingeklemmt, lässt sich der Fuß nicht mehr richtig anheben. Die Fußspitze hängt beim Gehen nach unten, die Zehen bleiben an Teppichkanten hängen, und der Fußrücken fühlt sich taub oder pelzig an. Diese Ausfälle werden bei der ersten Untersuchung festgehalten, damit sich später beurteilen lässt, ob sie zurückgehen.
Für die Aussichten zählt vor allem, ob der Nerv teilweise oder vollständig ausgefallen ist. In einer Untersuchung an Menschen mit schweren Knieverletzungen, bei denen mehrere Bänder gerissen waren, erholte sich eine teilweise Lähmung praktisch immer wieder vollständig, während sich eine komplette Lähmung nur bei einem kleinen Teil der Betroffenen ganz zurückbildete. Diese Zahlen stammen ausdrücklich aus schweren, kombinierten Knieverletzungen und lassen sich nicht auf einen einfachen Bruch übertragen: Für den nicht verschobenen Bruch ohne Bandschaden gibt es keine vergleichbare Untersuchung, und das Risiko ist dort deutlich geringer. Die Erholung eines Nervs braucht allerdings Zeit und wird eher in Monaten als in Wochen gemessen.
Wie lange eine Fibulakopffraktur heilt
Wenn nur der Knochen betroffen ist
Hier geht es um Wochen. Nach der üblichen Ruhigstellung von etwa sechs Wochen folgt ein schrittweiser Aufbau der Belastung, meist mit Krankengymnastik, bis Kraft und Beweglichkeit zurück sind. Eine kleine Untersuchung an sieben sportlichen Jugendlichen mit einem knöchernen Ausriss am Wadenbeinköpfchen ergab, dass fünf von ihnen ohne Operation behandelt wurden und im Schnitt nach gut sieben Wochen wieder normal aktiv waren. Weil es sich um wenige junge Menschen handelt, deren Knochen schneller heilen als die von Erwachsenen, taugt diese Zahl nur als grobe Größenordnung und nicht als Versprechen für jedes Alter.
Wenn Bänder oder das Sprunggelenk mitbetroffen sind
Sobald die Bandverbindung zum Sprunggelenk gerissen ist, verschiebt sich der Zeitrahmen von Wochen auf Monate. In einer kleinen Serie von fünfzehn operierten Maisonneuve-Verletzungen war der Knochen nach vier bis sechs Monaten vollständig durchgebaut. Nach einer Operation instabiler Sprunggelenkbrüche verbessert sich die Funktion vor allem in den ersten vier Monaten deutlich, danach geht es langsamer weiter.
Wie lange die Arbeitsunfähigkeit dauert, lässt sich nicht seriös in einer Zahl angeben, denn dazu gibt es keine vergleichende Untersuchung, und der Beruf entscheidet mit. Eine überwiegend sitzende Tätigkeit ist oft schon möglich, solange das Bein noch entlastet wird, während ein Beruf mit Stehen, Tragen oder Leitersteigen deutlich länger pausiert. Als grobe Richtung gilt: bei einem Bruch für sich allein mehrere Wochen, bei einer Maisonneuve-Verletzung eher mehrere Monate.
Wie die Aussichten sind
Insgesamt sind sie gut. Wenn der Knochen in seiner ursprünglichen Form zusammenwächst und ein instabiles Sprunggelenk sicher versorgt wird, ist eine weitgehend vollständige Wiederherstellung möglich, auch nach der aufwendigeren Variante mit Bandverletzung. Seltener kommt es zu einer verzögerten Knochenheilung, einer anhaltenden Schwellung, einem Gelenkverschleiß oder einer bleibenden Instabilität, und solche Verläufe werden unter anderem bei Diabetes, bei Rauchen und bei vorgeschädigtem Knorpel wahrscheinlicher. Ein Rauchstopp und eine konsequent durchgezogene Krankengymnastik sind deshalb keine Nebensache.
Für den nächsten Termin lohnt es sich, drei Dinge klären zu lassen: ob der Bruch für sich allein steht oder Bänder und Sprunggelenk mitbetroffen sind, wie lange das Bein nur teilweise belastet werden darf und ab wann wieder voll, und ob bei einem verdrehten Fuß auch das Sprunggelenk untersucht wurde. Mit diesen Antworten lässt sich der weitere Verlauf realistisch einschätzen.
Quellen
Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU), Österreichische Gesellschaft für Unfallchirurgie (ÖGU). S2e-Leitlinie Sprunggelenkfraktur. AWMF-Register-Nr. 012/003. Quelle
Kahan JB, Li D, Schneble CA, Huang P, Bullock J, Porrino J, Medvecky MJ. The Pathoanatomy of Posterolateral Corner Ligamentous Disruption in Multiligament Knee Injuries Is Predictive of Peroneal Nerve Injury. Am J Sports Med. 2020;48(14):3541-3548. doi:10.1177/0363546520962503
Kushare I, Ghanta RB, Ditzler M, Jadhav SP. Arcuate sign-fibular head avulsion fracture and associated injuries in the pediatric and adolescent population. Emerg Radiol. 2021;28(4):723-727. doi:10.1007/s10140-021-01910-9
Zheng ZL, Yu YY, Chang HR, Liu H, Zhou HL, Zhang YZ. Establishment of Classification of Tibial Plateau Fracture Associated with Proximal Fibular Fracture. Orthop Surg. 2019;11(1):97-101. doi:10.1111/os.12424
Ma G, Jiang H, Zhang ZG, Liu JT, Ma ZJ. [Clinical diagnosis and treatment features of Maisonneuve fracture and analysis of clinical outcome of 15 patients]. Zhongguo Gu Shang. 2020;33(7):667-671. doi:10.12200/j.issn.1003-0034.2020.07.016
BITTE BEACHTEN
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und kann nicht das persönliche Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt ersetzen. Für eine individuelle Diagnose, Therapieempfehlung und Behandlung konsultieren Sie bitte immer medizinisches Fachpersonal.
Mit dem Latein am Ende?
Du willst einfach nur wissen, was dein Befund bedeutet?
Wir erklären ihn dir. Kostenlos, anonym und ärztlich geprüft.
